
Es war wie damals, um das Jahr 1755, als sich irgendwo in einem Frankfurter Theater der rote Samtvorhang öffnete. Die Geräusche im Saal verstummten und die Zuschauer widmeten ihre volle Aufmerksamkeit dem nun beginnenden Puppenspiel rund um das Leben des Dr. Johannes Faust. Unter ihnen war auch der junge Johann Wolfgang Goethe, der später schreiben sollte: „Die bedeutende Puppenspielfabel klang und summte gar vieltönig in mir wieder.“ Diese Aufführung sollte ihn zeit seines Lebens beschäftigen und die Grundlage für seine berühmte Tragödie „Faust“ sein.
Rund 250 Jahre später saßen nun wir, die Jahrgangsstufe 10 des Friedrich-Wilhelm- Gymnasiums, in unserer Aula und verfolgten den Beginn des Puppenspiels. Anlass war die Lektüre der Goetheschen Tragödie, die sich erfahrungsgemäß als eher schwierig gestaltet, in der 10. Klasse aber zum Pflichtprogramm gehört. Nach einer gleichermaßen fachkundigen wie unterhaltsamen Einleitung in das Thema durch den Marionettenspieler Andreas Bille folgte das Vorspiel „in der Hölle“. Vor dem opulent gestalteten Hintergrund treten Charon, der Fährmann, Mephistopheles und der Höllenfürst höchstselbst auf und beschließen, mit Dr. Johannes Faust eine große Seele für das Totenreich zu gewinnen.
Im nächsten Aufzug folgt die berühmte „Paktszene“ in Fausts Wittenberger Studierzimmer. Dabei tritt neben bekannten Figuren aus der Goetheschen Tragödie wie dem Famulus Wagner auch der volkstümliche Spaßmacher „Hanswurst“ auf. Der Narr lockert das Stück mit einer gesunden Portion Humor und Bauernschläue auf und ist auch aus dem klassischen Puppentheater nicht wegzudenken. Er, der ungebildete Hanswurst, durchschaut das gefährliche Spiel des hochgelehrten Dr. Faust mit dem Teufel und wendet sich von diesem ab.
Für den wissensdurstigen Faust hingegen, der alle Bedingungen des Mephistopheles akzeptiert, gibt es kein Halten. Bereits nach zwölf rauschenden und turbulenten Jahren, in denen es ihn unter anderem an den Hof von Parma mit seiner wunderschönen, jungen Königin verschlägt, sieht er sich vom Teufel betrogen und muss nun, nach nur wenigen Jahren Dienst von Mephistopheles, in der Hölle ewig schmoren. Nach der ca. 70 Minuten anhaltenden Stille im Zuschauerraum brandete Beifall auf, der eindrucksvoll die Eignung eines Marionettentheaters auch für Schüler der 10. Klasse dokumentierte. Unsere Hochachtung gilt Andreas Bille, der allein sämtliche Figuren bewegte und sprach und so dieses lebendige Puppenspiel schuf. Wir danken ihm für diese Abwechslung im Unterrichtsalltag mit dem aus dem Goetheschen Faust entnommenen Mephisto-Zitat „Wir wollen wirklich uns besinnen, die nächsten Male mehr davon.“
Antonio Leonhardt
Klasse 10.1